Besuch des renommierten Weber-Experten Dirk Kaesler in der Bergstadt
In der vergangenen Woche durfte die Bergstadt einen besonderen Gast aus der Wissenschaft begrüßen: Auf Einladung der Akademie am Tönsberg war der renommierte Max Weber-Experte und Soziologe Professor Dirk Kaesler in Ostwestfalen-Lippe.
Initiiert und gemeinsam vorbereitet wurde der Besuch von Heidrun Bungard, die in Oerlinghausen für ihre Marianne Weber-Stadtführungen bekannt ist, Inge Berghoff, die seit vielen Jahren die Geschichte von Marianne und Max Weber beforscht und Nike Alkema, die als Leiterin der Akademie am Tönsberg vielseitige Angebote der politischen Bildung organisiert.
Der Name Weber als Besonderheit der Oerlinghauser Stadtgeschichte
Dass es den Max-Weber-Biograf Dirk Kaesler nach Oerlinghausen zog, ist kein Zufall. Oerlinghausen ist eng mit der Lebensgeschichte von Max und Marianne Weber verbunden. Marianne Weber wurde hier 1870 als Marianne Schnitger und Enkelin von Carl David Weber (CeWeCo) geboren. Sie wurde zu einer bedeutenden Sozialwissenschaftlerin und einer der wichtigsten Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung. Ihr ist es zu verdanken, dass das wissenschaftliche Werk ihres Mannes Max Weber nach dessen frühem Tod gesammelt, geordnet und veröffentlicht wurde. Mit ihrer großen Weber-Biografie legte sie den Grundstein für die internationale Weber-Forschung.
Auch Max Weber stammte aus der einflussreichen Bielefelder Leinenhandelsfamilie. Sein Großvater, der wohlhabende Kaufmann Karl August Weber, war der Urgroßvater von Marianne Weber. So kannten sich Max und Marianne Weber vermutlich schon aus Kindheitstagen, fanden aber erst später zueinander und heirateten 1893 in der „Kirche zu Oerlinghausen“ (Alexanderkirche).
Durch die Familie seiner Frau hielt sich Max Weber wiederholt in der damaligen Dorfschaft am Tönsberg auf. Besonders interessant ist dabei, dass er in der Weberei seines Onkels Carl David Weber Einblicke in die industrielle Arbeitswelt gewann. Diese Erfahrungen förderten sein Interesse an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit. Mit seinen sorgfältigen Untersuchungen über Industrie, Religion, Wirtschaft, Kapitalismus und Herrschaft trug er entscheidend dazu bei, die empirisch arbeitende Soziologie und die modernen Sozialwissenschaften in Deutschland zu begründen.
Diese markanten Spuren deutscher Industriegeschichte und intellektueller Größe um die Jahrhundertwende sind ein besonderes Alleinstellungsmerkmal für Oerlinghausen.

Zentrale Sehenswürdigkeiten standen auf dem Programm
So gab es für Dirk Kaesler einiges zu erkunden in Oerlinghausen und der Besuch begann mit eben diesen Spuren vor Ort. Diverse Rundgänge zeigten die Präsenz der Weber-Familie und ließen die Dimensionen der Zeit gut erahnen. Mit dem ehemaligen Stammsitz der Handelsfamilie Weber, dem heutigen Stenner-Goldbeck-Forum und dem Ratsgymnasium in Bielefeld sowie der Alexanderkirche, Weber-Villa und Müllerburg in Oerlinghausen wurden die zentralen Punkte besichtigt.
Bürgermeister Peter Heepmann kam für ein persönliches Grußwort dazu und richtete sich mit Worten der Dankbarkeit und Wertschätzung an den Soziologen und Weber-Kenner. Mit einem Besuch in der Buchhandlung Blume, die eigens ein Fenster zu Max Weber anlässlich des Besuchs von Kaesler eingerichtet hatte, fand der Rundgang, der neben Heidrun Bungard und Inge Berghoff auch von Werner Nowak begleitet wurde, einen besonderen Abschluss, der den Wissenschaftlicher sichtlich bewegte.
Den Höhepunkt des Besuchs aber markierte der öffentliche Vortrag im Bürgerhaus, zu dem alle Interessierten in der Region von der Akademie am Tönsberg herzlich eingeladen waren. Trotz hervorragendem Sommerwetter und vielen weiteren Veranstaltungen in der Stadt war der große Saal im Bürgerhaus fast zu klein. Nike Alkema war erfreut über den breiten Zuspruch und nutzte die Gelegenheit, Professor Kaesler vorzustellen, um einmal mehr aufzuzeigen, welche intellektuelle Persönlichkeit die Bergstadt beehrte.
Der Vortrag gab eindrucksvolle Erläuterungen zu Max Weber
Dirk Kaesler zählt zu den renommiertesten Soziologen und Weber-Forschern Deutschlands. Nach seinem Studium der Soziologie und Politischen Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der London School of Economics und der Promotion in Soziologie in München führte ihn sein wissenschaftlicher Weg an die Universitäten Hamburg und Marburg, wo er viele Jahre als Professor für Allgemeine Soziologie lehrte. Sein Name ist untrennbar mit der Max-Weber-Forschung verbunden. Seine viel beachtete Biografie „Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn. Eine Biografie“, die 2014 im C.H. Beck Verlag erschien, gehört zu den maßgeblichen Darstellungen über Leben und Werk des außergewöhnlichen Gelehrten.
Vielen Studierenden der Soziologie ist Dirk Kaesler durch seine Standardwerke „Klassiker der Soziologie“ und „Hauptwerke der Soziologie“ bekannt, die Generationen von Studierenden den Zugang zu den prägenden Denkern wie Norbert Elias, Talcott Parsons, Alfred Schütz, Niklas Luhmann und eben Max Weber eröffnete. So hat Kaesler die großen Namen wissenschaftlich erschlossen, historisch eingeordnet und einer breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht hat.
Die Bühne war also bereitet für eine hochkarätige Gelehrtenstunde. Dirk Kaesler führte eindrucksvoll entlang der biografischen Wegmarken Webers – von Berlin, Freiburg, Heidelberg bis nach München – durch sein beindruckendes Theoriewerk. Unter dem Titel „Max Webers Große Erzählung von der universalen Rationalisierung“ erläuterte Kaesler, welche Begrifflichkeiten Max Weber prägte. Bei Weber geht es um die Entstehung der modernen Welt, um Rationalisierung und Bürokratie, um Religion und Kapitalismus, um Macht und Verantwortung. Es geht um Fragen, die im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Diesen Bezug zur gegenwärtigen Lage ließ Kaesler nicht aus und widmete sich im zweiten Teil seines Vortrags einer kritischen Einschätzung großer theoretischer Denker wie Karl Marx, Karl Popper und Jürgen Habermas und der aus Sicht Kaeslers überholten Anwendung ihrer Gesellschaftstheorien auf die heutige Welt.

Der Bezug zu heutigen Geschehnissen blieb nicht aus
Kaesler stellte auch die klare Überzeugung Webers, dass die westliche Welt sich mit ihrer Dynamik der stetigen Rationalisierung und arbeitsgeteilten Erschließung der Komplexität der Welt als besseres Modell durchsetzen werde, durchaus in Frage und betonte, welches pessimistische Bild Weber seinerzeit doch hinsichtlich der Auswirkungen der Industrialisierung und der Bürokratisierung auf die Menschen und die Gesellschaft zeichnete.
Kaesler ging auf Distanz zu Webers Ausführungen zur Überlegenheit des liberalen Kapitalismus und warnte vor einer Überheblichkeit des Westens gegenüber Herrschaftsregimen, die sich diesen Logiken nicht anschließen wollen.
Daraufhin schloss sich eine anregende Diskussion an. Aus dem Publikum kamen Fragen, die erkennen ließen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen und den Ideen Webers gewünscht war. So wurde heiß über den Einfluss Webers in der Vorphase der Weimarer Republik, sein Verständnis von Demokratie, den Blick Webers auf andere Kulturen und die Emotionen in seinem Werk diskutiert. Selbst Fragen zur Künstlichen Intelligenz kamen auf.
Den Abschluss fand eine persönliche Frage an den Wissenschaftler nach der entscheidenden und wegweisenden Lektüre Webers bezogen auf das eigene Leben. Hier verwies der Soziologe auf das Standardwerk „Wissenschaft als Beruf“, welches ihn für die Wahl seiner wissenschaftlichen Karriere prägte. Das war zuletzt Gelegenheit, um auf die Buchhandlung Blume zu verweisen, die einen Büchertisch mit themenbezogenen Werken für den Abend zusammengestellt hatte.
Ein langanhaltender Applaus zeigte, dass sich das Publikum um einen besonderen Abend bereichert fühlte. Nike Alkema bedankte sich mit einer kleinen Flasche „Töns“ aus der Melmschen Hirschapotheke, um am Ende auf eine weitere historische Spur zur Apothekentochter Milly Melm, später verehelichte Wachsmuth, und besten Jugendfreundin von Marianne Weber verweisen zu können. Dirk Kaesler war offensichtlich zufrieden und kündigte an, die Bergstadt wieder zu besuchen.

